Diagnose COPD: Tiffeneau – immer noch

Nach Inspektion der Kurvenform ist die Beurteilung des FEV1/FVC-Wertes („Tiffeneau-Index“) in der Regel der erste Schritt in der Analyse einer Lungenfunktion. Vereinfachend gilt dabei: bei Patienten mit einem postbronchodilatatorischen Wert < 0.7 liegt eine obstruktive Ventilationsstörung vor. Dieser Schwellenwert beruht allerdings auf einem Konsensus von Experten und wird kontrovers diskutiert.

Zur Erinnerung: der FEV1/FVC-Index ändert sich mit dem Alter (d.h. bei jungen Patienten wird das Vorliegen einer Obstruktion eher unter-, bei älteren Patienten tendenziell überschätzt) und mit Veränderungen des Körpergewichts (der Tiffeneau-Index steigt mit zunehmendem BMI – so dass auch bei adipösen Patienten die Diagnose COPD vermutlich eher unterdiagnostiziert wird).

Zudem ist der Tiffeneau-Index v.a. ein Ausdruck der Flusslimitation in den grossen Atemwegen – er kann bei vorwiegend emphysematösen Veränderungen normal sein, so dass eine COPD gerade in frühen und milden Stadien der Erkrankung verpasst wird. Es sind deshalb andere Marker für eine obstruktive Ventilationsstörung propagiert worden (z.B. der lower limit of normal, LLN). Aufgrund der Einfachheit des angestammten Tiffeneau-Index haben die neuen Marker aber bisher keinen Eingang in Klinik und Guidelines gefunden.

Diese grosse epidemiologische Studie von Bhatt et al. – durchgeführt an gepoolten Daten von annähernd 25’000 Patienten, die über einen mittleren Zeitraum von 15 Jahren nachverfolgt wurden – zeigt jetzt zum ersten Mal, dass, gemessen an einem prognostischen Endpunkt (i.e. COPD-assoziierte Hospitalisation und Mortalität), ein FEV1/FVC-Index < 0.7 gegenüber dem LLN keinen statischen Unterschied ausmacht. Eine Änderung der gängigen Praxis, wie wir Lungenfunktionen beurteilen, ist damit nicht angezeigt.

“…clinicians may be best advised to continue to use an old simple measurement, FEV1/FVC of less than 0.70, as an indicator of this complex disorder…“

Vestbo and Lange, JAMA, 2019

Das begleitende Editorial (3) wirft dazu aber ein paar wichtige Punkte auf: es ist generell fragwürdig, die Diagnose COPD aufgrund einer Einzelmessung (!) zu stellen, insbesondere wenn die entsprechenden Werte bereits innerhalb des Tagesverlaufes signifikant variieren können. Auch in der eigenen klinischen Erfahrung wird die Spirometrie in der Abklärung von Patienten mit Atemnot zu zurückhaltend eingesetzt und die ärztlichen Kenntnisse in der Beurteilung haben noch etwas Potential. Bedenkenswert: Weltweit wird die Diagnose COPD (per Definition eine lungenfunktionelle Diagnose) nur gerade in einem Drittel der Patienten mittels Lungenfunktion gestellt. Diese Punkte sind vermutlich entscheidender als die Debatte über einen exakten Schwellenwert zur Definition der COPD.

Nichtsdestotrotz ist die Studie hilfreich und unterstützt unsere gängige Praxis in der Beurteilung von Lungenfunktionen. Oder in den Worten der Editorialisten:(…) clinicians may be best advised to continue to use an old simple measurement, FEV1/FVC of less than 0.70, as an indicator of this complex disorder.“

Literatur

  1. Bhatt SP, JAMA 2019; 321(24):2438-47
  2. Yernault YC, Eur Respir J 1997; 10: 2704–10
  3. Vestbo J, JAMA. 2019; 321(24):2412-3
Verfasst von:
Lars C. Huber

Lars C. Huber ist Internist und Pneumologe. Als Kaderarzt war er im Spital Lachen und im UniversitätsSpital Zürich tätig. Heute leitet Lars C. Huber das Departement Innere Medizin im Stadtspital Waid & Triemli und ist Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Standort Triemli in Zürich.

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